Jedes Jahr kürt der World Happiness Report die glücklichsten Länder der Welt – und wieder einmal dominieren die skandinavischen Staaten die Spitze des Rankings. Finnland, Dänemark, Island und Schweden nehmen die ersten vier Plätze ein, während Deutschland auf Platz 22 und Österreich auf Platz 17 rangieren.
Doch was genau macht die Menschen in Skandinavien so zufrieden? Und noch wichtiger: Was können wir aus diesen Erkenntnissen für unser eigenes Leben mitnehmen?

Gemeinschaft und Fürsorge: Die unterschätzten Säulen des Glücks
Der World Happiness Report 2025 legt einen besonderen Schwerpunkt auf soziale Aspekte des Wohlbefindens – insbesondere auf Fürsorge und Teilen. Die zentrale Erkenntnis: Unser Glück hängt weit stärker von unseren sozialen Verbindungen ab, als lange angenommen.
Das bedeutet: Glück ist keine rein individuelle Angelegenheit, sondern ein kollektives Phänomen.
In Skandinavien ist dieser Gedanke tief in der Kultur verankert. Dort gilt nicht das Motto „Der Beste gewinnt“, sondern vielmehr: „Allen soll es gut gehen.“ Soziales Vertrauen ist hoch, Menschen begegnen sich auf Augenhöhe, und der Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft spielt eine zentrale Rolle.
Soziales Vertrauen als Schlüssel zum Wohlbefinden
Eine besonders interessante Erkenntnis aus dem Bericht ist, dass Menschen, die an die Freundlichkeit anderer glauben, signifikant glücklicher sind. Gemeinsame Rituale – wie zusammen zu essen oder sich gegenseitig zu unterstützen – stärken dieses Vertrauen zusätzlich.
Deutschland hingegen schneidet hier schlechter ab. Neid, Konkurrenzdenken und ständiges Vergleichen verhindern oft ein entspanntes, zufriedenes Miteinander. Wer ständig auf das größere Auto des Nachbarn schielt oder das Gefühl hat, sich beweisen zu müssen, beraubt sich selbst eines der wichtigsten Glücksfaktoren: ein stabiles soziales Netz. In Österreich ist dieses Trimmen auf Erfolg etwas gemildert, was sich deutlich im Schul- und Hochschulbetrieb zeigt. Wer in Deutschland den Numerus Clausus nicht schafft, hat in Österreich immer noch die Chance auf einen Studienplatz. Dementsprechend nimmt man es hierzulande von Anfang an schon lockerer mit dem Pauken.
Der massive Absturz Österreichs im Ranking im Jahr 2023 erklärt sich übrigens nicht nur aus der fehlenden sozialen Unterstützung, sondern auch dem Gefühl der mangelnden Freiheit sowie der wahrgenommenen Korruption im Land.
Kritik an der Messmethode: Was bedeutet Glück wirklich?
Allerdings gibt es auch berechtigte Kritik an der Methode des World Happiness Reports. Die Befragung basiert hauptsächlich auf der sogenannten Cantril-Leiter – einer simplen Frage:
„Auf einer Skala von 0 bis 10 – wie bewerten Sie Ihr aktuelles Leben?“
Studien zeigen, dass viele Menschen diese Frage unbewusst mit Wohlstand und Status gleichsetzen. Eine Untersuchung der Universität Lund zeigte, dass eine kleine Änderung – z. B. nach dem „harmonischsten“ anstatt dem „besten“ Leben zu fragen – die Antworten deutlich beeinflusst. Plötzlich wurden Faktoren wie Beziehungen, Gesundheit und Work-Life-Balance wichtiger als Geld oder Erfolg.
Das zeigt, dass wir selbst entscheiden können, welche Maßstäbe wir an unser Glück anlegen.
Wie wir Gemeinschaftssinn in unseren Alltag integrieren können
Die gute Nachricht: Wir können aktiv zu unserem Glück beitragen. Hier sind drei einfache Schritte, um den skandinavischen Gemeinschaftssinn auch bei uns zu stärken:
- Hilfe anbieten und annehmen: Anderen zu helfen oder um Hilfe zu bitten, schafft Verbindung und stärkt das soziale Miteinander.
- Dankbarkeit zeigen: Ein einfaches „Danke“ ist oft genug, um Unterstützung wertzuschätzen und positive Beziehungen zu pflegen.
- Zusammensein genießen: Anstatt sich mit anderen zu vergleichen, sollten wir gemeinsame Zeit bewusst schätzen und im Moment leben.
Fazit: Glück beginnt in unseren sozialen Beziehungen
Tiefes, nachhaltiges Glück entsteht nicht durch materiellen Reichtum oder beruflichen Erfolg – sondern durch unsere Beziehungen zu anderen Menschen. Wer sich ein starkes soziales Umfeld aufbaut, lebt nicht nur glücklicher, sondern auch gesünder.
In unserem Projekt „Alles Anders“ wollen wir genau das bewirken: Beziehungen stärken und Gemeinschaft erlebbar machen. Dazu laden wir regelmäßig zu Potlucks, Spieleabenden, Repair Cafés und den Donnerstalks ein – einem offenen Format, bei dem man jede Woche unkompliziert neue Leute kennenlernen, Ideen spinnen und gemeinsam an einem guten Leben für alle arbeiten kann. Denn wahres Glück wächst nicht auf Kosten anderer, sondern in einer Welt, in der Zusammenhalt, Mitgefühl und gemeinsame Erlebnisse im Mittelpunkt stehen.
Literatur
Dörfler-Bolt, S., & Wurm, L. (2023). Glücksgefühl und soziale Netzwerke nach Geburtsland. In N. Neuwirth, I. Buber-Ennser, & B. Fux (Hrsg.), Familien in Österreich: Partnerschaft, Kinderwunsch und ökonomische Situation in herausfordernden Zeiten (S. 69). Universität Wien.
Enste, D. H., Eyerund, T., Suling, L., & Tschörner, A.-C. (2020). Glück für alle? Eine interdisziplinäre Bilanz zur Lebenszufriedenheit. Institut der deutschen Wirtschaft (IW). https://www.iwkoeln.de/studien/theresa-eyerund-dominik-h-enste-lena-suling-anna-carina-kern-glueck-fuer-alle-eine-interdisziplinaere-bilanz-zur-lebenszufriedenheit.html
Rohrer, J. M., Richter, D., Brümmer, M., Wagner, G. G., & Schmukle, S. C. (2018). Successfully striving for happiness: Socially engaged pursuits predict increases in life satisfaction. Psychological Science. https://www.mpib-berlin.mpg.de/pressemeldungen/soziale-aktivitaeten-staerken-wohlbefinden
Schnell, T. (2015). Soziale Verbundenheit als Quelle und Konsequenz von Sinnerfüllung. Sinnforschung. https://www.sinnforschung.org/archive/2453
Steckermeier, L. C. (2020). Soziologie des Glücks. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 72(2), 317–320. https://link.springer.com/article/10.1007/s11577-020-00691-2
World Happiness Report. (2025). World Happiness Report 2025. https://worldhappiness.report/
Yang, Y., Ding, Y., Zhang, H., Li, Y., & Zhang, J. (2024). Exploring the impact of perceived social support on subjective well-being: The mediating role of resilience and self-esteem. Scientific Reports, 14, Article 52939. https://www.nature.com/articles/s41598-024-52939-y